Seiten

  • Startseite
  • Impressum
  • Inhalt
  • MINT
  • Sprache
  • Soziales
  • Geist
  • Kunst
  • Gemischtes
  • Gedichte

Freitag, 28. März 2014

Deutsch-Kursarbeit

Da ich schon eine Weile nichts reingestellt und gerade etwas wenig Zeit dafür habe, folgt meine abgetippte Deutsch-Kursarbeit. Es handelt sich um eine Interpretation von Günter Kunerts Parabel "Ein Ausflug". Leider habe ich im Netze keinen Text dazu gefunden, die Zeilenangaben sind natürlich auch hinfällig. Viel Spaß beim Lesen! :-)

Nachtrag: den vollständigen Parabeltext gibt es hier.

In der Parabel „Ein Ausflug“ von Günter Kunert aus dem Jahre 1972 geht es um einen Wanderer, der im Gebirgsnebel seine Gruppe verliert und sich verirrt. Es gibt nur einen Handlungsstrang und keine Namen, nur den Ich-Erzähler, was Eigenschaften einer Parabel sind.
Eine Gruppe von Wanderern („wir“) macht einen Ausflug ins Gebirge. Zunächst fällt der Aufstieg nicht schwer, denn der Pfad „stieg stetig, aber nicht steil“ (Zeile 2) – eine Alliteration – an. Dann allerdings wurde die Bahn „schmaler, holpriger“ (Zeile 6). Diese beiden Beschreibungen lassen an einen Lebensweg erinnern, der zuerst leicht, aber dann stetig schwerer werdend verläuft. Diese Vorstellung wird bekräftigt durch das Gefühl, welches der Ich-Erzähler in zunehmender Höhe empfindet: „zunehmende Kühle: eine feuchte Kälte, klamm wie vollgesogene Tücher“ (Zeile 7). Vollgesogene Tücher sind schwer; Schwere und Kälte – Gefühle, die man kurz vor dem Tode spürt, auf alle Fälle negative Empfindungen. Auch die Bäume erinnern an eine Gruppe alternder und wegsterbender Menschen, denn sie werden, durch eine Alliteration ausgedrückt, „kleiner und krüppliger“ (Zeile 10), „verrenkt und beschädigt“ (Zeile 11) und weniger. Die Wanderer nähern sich „den Wolken“ (Zeile 12), also dem Himmel. Durch zunehmende Verschlechterung des Weges kommen sie „immer langsamer“ voran (Zeile 15), das Gestein ist teilweise sehr glitschig und scheinbar „von fließendem Gewässer […] überspült […], wie Küstenstreifen bei Flut“ (Zeile 16) – eine Metapher. Nachdem der Autor bisher durch gutes Beschreiben der Gebirgslandschaft dem Leser schon fast den Eindruck vermittelt hat, selbst vor Orte zu sein, schafft er nun noch eine Geräuschkulisse; „Geräusche […]: gleichmäßige Schläge […], dunkle Rufe“ (Zeile 18), welche durch das Ohr des Ich-Erzählers an das innere Ohr des Lesers gelangen. Nicht einmal die Tiere begeben sich in diese durch „Dunst“ (Zeile 8) „unkenntliche Umgebung“ (Zeile 21). Auch der Pfad endet. Die Wanderer müssen sich „von Gewächs zu Gewächs vorwärts und aufwärts“ (Zeile 22) tasten; die Wort(bestandteil)wiederholung gibt den frequentativen Vorgang wieder. Die Vegetation weicht schließlich einer „Strecke grober Kies“ (Zeile 24) und ab dort wird im Texte nur noch das karge Wort „Boden“ verwendet. Durch das „dichte[…] quirlende[…] Grau“ (Zeile 26) war die Sicht erheblich eingeschränkt bis gänzlich verloren und auch vor dem inneren Auge des Lesers ist eine Nebelbrunst aufgezogen. Der Ich-Erzähler sieht „nicht mehr, wohin [er] die Sohlen“ setzt (Zeile 25), welche als Pars pro toto stellvertretend für den ganzen Fuß stehen.
Etwa bei der Hälfte der Parabel kommt es dem Ich-Erzähler so vor, „als hätte sich [die] Gruppe um einige Stimmen verringert.“ (Zeile 27) An dieser Stelle wechselt der Ich-Erzähler schlagartig vom Plural in den Singular, vom „wir“ zum „ich“. Er ruft mehrmals „Hallo!“ – die einzige wörtliche Rede im gesamten Texte –, bekommt aber nur „ein mehrfaches Echo“ (Zeile 31) zurück. Es überkommt den Ich-Erzähler: „ich war allein“ (Zeile 33); er spürt, „daß etwas nicht in Ordnung [ist]“ (Zeile 33). Dem Leser stellt sich die Frage: „War er womöglich schon die ganze Zeit allein und hat sich nun selbst verloren? Oder steht der Aufstieg wirklich für den Lebensweg und alle seine Begleiter haben schon das Zeitliche gesegnet?“ Fragen dieser Art werden vom Autor offen gelassen.
Der Ich-Erzähler möchte der unbehaglichen Situation entkommen.
Seiner Sehfähigkeit beraubt, greift er „einen fauligen Ast“ (Zeile 34), den er bildlich als „Blindenstock“ (Zeile 34) und „Tentakel“ (Zeile 36) bezeichnet und „tappt[…] abwärts, [will] abwärts“ (Zeile 35); so schnell wie möglich abwärts will er – wird aber jäh gebremst, denn vor ihm tut sich „sofort“ (Zeile 35) „ein Abgrund von unbestimmter Tiefe“ (Zeile 37) auf. Die Wörter „aufwärts“ und „abwärts“ und Verben wie „ansteigen“ und „absteigen“ kommen im Texte mehrmals vor. Bis hierher hatte „aufwärts“ eine positive Bedeutung, die sich an dieser Stelle aber ins Negative wandelt, denn nun will der Wanderer nicht mehr, kann aber „nur weiter aufwärts gehen und hinter dem Gipfel den Abstieg suchen“ (Zeile 38). Das Erreichen des Gipfels ist ein Ziel, das der Wanderer unbedingt erreichen muss, denn erst danach ist er gewissermaßen „über den Berg“. „Nach einiger Zeit“, die dem Wanderer wie Stunden vorkommt, entdeckt er, „daß [er] direkt auf dem Grat wandert[…], rechts und links von Abstürzen begleitet, die [er] nur vermuten [kann], wenn [s]ein Fuß ein Steinchen ins Rollen [bringt], dessen Hinunterpoltern [er] nachlauscht[…]“ (Zeile 40). – Für nicht schwindelfreie Leser keine schöne Vorstellung!
Dann folgen zwei plötzliche Eindrücke/Empfindungen des Ich-Erzählers aufeinander, nämlich ein Funken von Hoffnung und Enttäuschung, welche durch die Satzanfänge „Dann:“ und „Leider:“ eingeleitet werden. Denn der Wanderer findet „ein[en] gelblackiert[en] Kasten an einem Holzpfahl“ (Zeile 44) mit der angesichts des Ortes sehr markabren und angesichts der Situation sehr ironischen Aufschrift: „Für Wünsche und Beschwerden – Einwurf hier“. Der Wanderer wirft ein Notizblatt ein mit Angaben zu Strecke und Tageszeit, damit man ihn fände, falls ihm etwas zustieße (Zeile 45); doch „der Boden fehlt[…]“ (Zeile 47) und so wird das Blatt weggewirbelt. (Hier nimmt der Parabeltitel „Ein Ausflug“ auch eine ganz andere Dimension ein, weil das Notizblatt aus dem Kasten unbeirrt „herausfliegt“.) Den Ich-Erzähler trifft die Flucht des Papieres „derart unerwartet, daß [er] minutenlang reglos da[steht], in die Schwaden starrend, als könne das Papier einem [metaphorischen] Vogel gleich zurückgeflattert kommen, […] als [s]ein eigenes, [ihm] entflogenes Selbst. (Zeile 48) Das macht wieder deutlich, dass er sich selbst im Gebirge verloren hat. Hier könnte die Parabel zu Ende sein, aber in den letzten zwei Sätzen erfüllt den Wanderer neue Hoffnung, denn „wo ein solcher Meldekasten hing, […] mußten auch Menschen in der Nähe sein: irgendwer jedenfalls. Und irgendwer ist besser als nirgendwer“ (Zeile 52), denkt er und stellt damit Indefinitpronomen und Negativpronomen gegenüber. Der Meldekasten ist ein Zeichen der Zivilisation, die der Ich-Erzähler jetzt suchen wird; dabei ist es ihm gleich, um was für Menschen es sich handelt, es könnte nämlich sein, dass er im dichten Nebel „eine Grenze überschritten [hat], ohne es zu merken“ (Zeile 54). Es klingt im letzten Satze sein Eindruck von den Wetterbedingungen im Gebirge mit, welche so stark sind, dass durch sie sogar Grenzmarkierungen ihre Gültigkeit verlieren. Lenkt man die Interpretation wieder auf den Lebensweg, ist es schwierig, den Wanderer da einzuordnen, wo er jetzt steht. Möglicherweise vor dem Himmelstor; aber ob G. Kunert überhaupt diese Interpretation im Sinne hatte oder ob sie allein in des Interpretierenden Kopfe entstanden ist, wagt selbiger nicht mit Bestimmtheit zu sagen.



Die Kursarbeit meines Schulkameraden, der sich mit einer anderen Thematik beschäftigte, war ebenfalls ein (sehr guter) Erfolg. Weil auch er sie der Internetgemeinschaft nicht vorenthalten will, kann man sie hier nachlesen.

Kommentare:

  1. Sehr schön! Ich fühle mich fast, als hätte ich es selbst gelesen... ^^

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So soll es bei einer Interpretation auch sein. Ich hab ja auch fast alles der Parabel zitiert.^^

      Löschen
    2. Du hast es eben gut gemacht, das war alles, was ich sagen wollte ;)

      Löschen
    3. Vielen Dank!
      Wie findest du die von O.? Sprich ihn bloß nicht drauf an, der kommt aus seinem Geprahle nicht heraus. ;-|

      Löschen
    4. Immer wieder gern ;)
      Die finde ich auch sehr schön.
      Dazu ist es wohl zu spät wie man an meinem Kommentar darunter erkennen kann :DD
      (Aber er hat mich noch nicht darauf angesprochen; er übt sich geradezu in Bescheidenheit und Zurückhaltung xD )

      Löschen
  2. VON WEGEN Interpretation... Ich weiß ja nicht was ihr für Anforderungen habt, aber für mich ist nichts interpretiert, nur wiedergegeben. Interpretation= Erfassen, Deuten, Werten!!!

    AntwortenLöschen